Was sind das für Eltern?

Es kann viele Gründe geben, warum sich Eltern vorübergehend nicht ausreichend um ihre Kinder kümmern können. Manchmal sind es Krankheiten, spezielle belastende Familienkonstellationen, traumatische Erlebnisse oder Probleme mit dem eigenen Leben, die es nach sich ziehen, dass die Betreuung der eigenen Kinder schlecht oder gar nicht möglich ist. Oft sind sich die Eltern dessen durchaus bewusst und leiden darunter, finden aber ohne Hilfe keine Lösung.

Was für ein Bild hat man vor Augen, wenn man sich Eltern vorstellt, deren Kinder nicht bei ihnen leben können. Es gibt junge Mütter und Väter, die mit der großen Aufgabe überfordert sind, ein Kind gut in seiner Entwicklung zu begleiten, mit all den Gefühlen und der Verantwortung, die dazu gehören. Aber eben diese Verantwortung übernehmen zu können, ist eine unumgehbare Herausforderung. Manchen Menschen fällt das schwer, weil sie selbst nicht gut umsorgt aufgewachsen sind, kein Gefühl von Sicherheit und Liebe in ausreichendem Maß erfahren haben. Andere haben einen Lebensweg gewählt, der keinen Raum für eine gute Entwicklung des Kindes bietet. Seine Bedürfnisse können dann von den Eltern nicht ausreichend wahrgenommen werden. Oft bemühen sich Eltern im Rahmen ihrer Kräfte und versuchen gemeinsam mit Helfern sich dieser großen Aufgabe zu stellen.

Wenn dann deutlich wird, dass das Kind trotzdem nicht weiter bei ihnen aufwachsen kann, ob für kurze oder lange Zeit, ist das für die Eltern eine große Katastrophe. Neben Gefühlen wie Schmerz, Verzweiflung und Trauer kommen die des Scheiterns, der Machtlosigkeit und Scham hinzu. Die Blicke der Nachbarn, der anderen Mütter, der eigenen Familie – es entstehen weitere Konflikte mit sich und der Umwelt. Die Konsequenz ist dann oft Rückzug, scheinbare Ablehnung und Desinteresse. Häufig gelingt es aber durch die Offenheit vieler Pflegeeltern, die Eltern wieder „zurück ins Boot“ zu holen.

Wozu sind Kontakte zu den Eltern gut?

Sobald das Kind in der Pflegefamilie lebt, hat es zwei Familien. Es ist das Recht des Kindes, Umgang mit jedem Elternteil zu haben und es ist ebenfalls das Recht und die Pflicht der Eltern (§1648 Abs. 1 BGB). Häufigkeit und Gestaltung der Kontakte zu den leiblichen Eltern haben besondere Bedeutung für das Aufwachsen des Kindes in der Pflegefamilie sowie die Qualität der Beziehungen zwischen Pflegeeltern, Eltern und Kind. Im günstigen Fall entwickelt sich eine tragfähige Beziehung zwischen den Familien, die das Kind entlastet.

Auch wenn das Kind selbst seine Lebenssituation bei den Eltern als nicht gut empfindet, ist seine Loyalität ihnen gegenüber ungebrochen. Das Gefühl der Zugehörigkeit und Verwurzelung bleibt erhalten. Die Trennung von der eigenen Familie ist ein Verlust, ein Schmerz im Erleben des Kindes. Um das Kind in seiner Identitätsentwicklung zu unterstützen, braucht es den Kontakt und die Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit und seiner Ursprungsfamilie. Dazu gehört es, die Frage nach dem "Wer bin ich?" zu stellen, sich sein Geworden sein zu erklären und seine Gefühle zu sortieren. Irmela Wiemann, Psychologin und Familientherapeutin, spricht vom "inneren Bild" des Kindes, das durch frühere Erfahrungen im Zusammenleben mit den Eltern oder durch Kontakte geprägt wird. Die Verbindung zu den "Wurzeln" ist also enorm wichtig. Welche Art der Kontaktgestaltung für die jeweilige Situation passend ist, finden alle Beteiligten gemeinsam heraus. Es kann zu Beginn hilfreich sein, in Gesprächen die Wünsche und Vorstellungen des Kindes, der Eltern und der Pflegeeltern einzubringen, auch wenn es manchmal schwer fällt. Kinder reagieren sensibel, wenn sie spüren, dass ihre leiblichen Eltern abgelehnt werden und beziehen das auch auf sich. Daher ist es wichtig, dass Pflegeeltern den Eltern des Kindes wertschätzend und respektvoll begegnen. Manchmal gibt es noch andere Geschwister, die ebenfalls in Wohngruppen oder bei den Eltern leben. Auch diese Begegnungen müssen gefördert werden. Nur in begründeten Ausnahmefällen kann es zu "Kontaktsperren" kommen. Das plötzliche Verschwinden von Personen, die für das Kind von Bedeutung sind, kann negative Folgen für sein Vertrauen in die Welt und deren Verlässlichkeit haben.

Andreas (11) lebte nach den ersten gemeinsamen Monaten mit den Eltern bis zu seinem achten Lebensjahr in einer Wohngruppe. Nach der Trennung der Eltern war die Mutter mit der Situation überfordert. Sie lehnte die bis dahin erhaltene Unterstützung ab und war mit Andreas überwiegend bei Freunden. Andreas geriet immer weiter aus dem Blickfeld der Mutter, so dass er kurz vor seinem ersten Geburtstag vom Jugendamt aus der Familie genommen wurde. Der Kontakt der Mutter zu Andreas blieb aber immer bestehen, wenn am Anfang auch eher selten und nicht zuverlässig. Sie verbrachten Zeit miteinander, unternahmen gemeinsam schöne Dinge. Für Andreas spielte seine Mutter immer eine präsente Rolle. Als Andreas acht Jahre alt war, konnte er in eine Pflegefamilie vermittelt werden. Der Kontakt zur Mutter ist seitdem noch intensiver, da die Pflegeeltern beide immer wieder aneinander erinnern und Gespräche und Treffen fördern. Andreas geht in die Regelschule, treibt in seiner Freizeit liebend gerne Sport und konnte sich in seine Lebenssituation gut einfinden - mit der Unterstützung seiner Pflegeeltern und seiner Mutter.


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